„WIA sind viele“ - Frauen in der Baubranche und in planenden Berufen in Sachsen
Ob als Landschaftsarchitektinnen, Innenarchitektinnen, Architektinnen, Stadtplanerinnen, Ingenieurinnen oder Bauleiterinnen – Frauen bereicherten und bereichern die Baubranche nachhaltig durch ihre Ideen, ihren teils anderen Fokus, vielleicht auch durch ihre Umgangsformen. Und dennoch sind sie nach wie vor mit strukturellen Barrieren, Vorurteilen und Herausforderungen konfrontiert. Während einige Pionierinnen sich bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Gehör verschaffen konnten, ist die Sichtbarkeit von Frauen in der Baubranche auch heute oft nicht selbstverständlich.
Als Arbeitskreis für Chancengleichheit und Teilhabe der Architektenkammer Sachsen haben wir es uns zum Ziel gesetzt, den Fokus auf jene Frauen in Sachsen zu richten, deren Arbeit unsere gebaute Umwelt geprägt hat und weiterhin prägt. Das WIA-Festival, diese Ausstellung und ihre Begleitveranstaltungen machen daher die Leistungen von Frauen in und aus Sachsen sichtbar und fragen zugleich nach den Ursachen der Unterschiede, die es immer noch zwischen den Geschlechtern in unserem Berufsfeld zu geben scheint.
Der Arbeitskreis Chancengleichheit und Teilhabe möchte Forum und Anlaufstelle zur Förderung von beruflicher Gleichstellung sein – ungeachtet von Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe und Alter. Dabei steht insgesamt eine stärkere Präsenz von Architektinnen, Innenarchitektinnen, Landschaftsarchitektinnen und Stadtplanerinnen in der Öffentlichkeit im Fokus. Neben der beruflichen Gleichstellung soll ebenso deren berufliche Leistungen als gesellschaftlicher Beitrag hervorgehoben werden.
In der Ausstellung sollen nicht nur die Werke und Karrieren von Architektinnen und Planerinnen beleuchtet werden, sondern auch auf die dringend notwendige Diskussion über eine Gleichstellung der Geschlechter und die Hervorhebung und das Leben von Diversität in der Branche hingewiesen werden.
Welche Schritte müssen wir gehen, um eine gerechtere und inklusivere Architekturwelt zu schaffen?
Frauen in der Architektur stehen vor vielfältigen Herausforderungen, die sowohl strukturelle als auch kulturelle Aspekte umfassen:
1. Geringe Präsenz in Führungspositionen
Obwohl zahlreiche Frauen Architektur studieren, spiegelt sich ihr Anteil in leitenden Rollen nicht wider. In großen Architekturbüros sind sie als Partnerinnen oder in Spitzenpositionen oft unterrepräsentiert. Laut Mitgliederbefragung der Bundesarchitektenkammer waren 2023 lediglich 30% der Frauen in Führungspositionen.
2. Geschlechterstereotypen und Vorurteile
In den durch die Planerinnen eingereichten Unterlagen wird ersichtlich, dass sich viele Frauen auch heute noch mit zweifelnden Blicken auf ihre Fähigkeiten und Führungsqualitäten konfrontiert sehen (z.B. auf den Baustellen oder in Planungsbesprechungen)
3. Herausforderung der Work-Life-Balance
Die Baubranche ist für lange Arbeitszeiten (oftmals über die 40h-Woche hinaus), wenig terminliche Flexibilität aufgrund des Projektgeschäfts, teilweise Anwesenheitspflicht (auf der Baustelle oder bei kreativen Brainstormings) und damit wenig Möglichkeiten für Home Office bekannt. Das macht es insbesondere Frauen schwer, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.
4. Wenig weibliche Vorbilder
Zaha Hadid, Eileen Gray, Julia Morgan – die weiblichen Vorbilder, die in der Lehre genannt werden, kann man an zwei Händen abzählen. Und auch in den Büros, die – wie bereits geschrieben – oft von Männern geführt werden, fehlen scheinbar inspirierende Vorbilder, die junge Architektinnen ermutigen und unterstützen könnten.
5. Ungleichheiten bei der Bezahlung
Geschlechtsspezifische Gehaltsunterschiede sind auch in der Architekturbranche ein Problem und benachteiligen Frauen finanziell.
6. Sichtbarkeit und Anerkennung
Frauen müssen häufig darum kämpfen, die gleiche Wertschätzung wie ihre männlichen Kollegen zu erhalten – erkennbar auch an ihrer geringeren Präsenz in Architekturpreisen und Fachpublikationen. Der wichtigste Architekturpreis, der Pritzker Preis, wurde bisher an 47 Personen verliehen. Davon waren lediglich 6 Frauen. Zwei davon erhielten den Preis gemeinsam mit ihren männlichen Büropartnern.
Und doch zeigt diese Ausstellung, dass es trotz dieser Herausforderungen zahlreiche Stadtplanerinnen, Landschafts-, Innenarchitektinnen und Architektinnen gibt, die bestehende Barrieren überwinden und die Branche aktiv verändern. Das haben uns die vielen Einreichungen (annähernd 100) gezeigt, die wir nach unserer Ausschreibung im Herbst 2024 erhielten. Sie teilten uns mit, welche Erfahrungen für ihren beruflichen Werdegang prägend waren, welche strukturellen Änderungen sie sich am Berufsbild erhoffen und woran sie gerne arbeiten würden, gaben Tipps für Ausstellungen, Bücher und Filme, die man als Planer:in kennen sollte. Ihre unterschiedlichen Sichtweisen, die Vielzahl an Projekten, bei denen sie diese einbringen und letztlich ihre Erfolge tragen wesentlich zu mehr Gleichberechtigung und Diversität bei.